Englische Weihnachtsgeschichten

Der kleine Willy und sein Hund Peter Pan

 

Wer sich von Charles Dickens’ »Weihnachtsgeschichte« anrühren läßt, dem werden auch die Erzählungen Hedwig Sonntags gefallen. Sie führen uns hinein in das London der Zeit um 1900. Dicker, schwarzbrauner »peasoup«-Nebel, Hunger, Kälte und Arbeitslosigkeit machen den Armen im Winter zu schaffen. Licht dagegen ist die Atmosphäre, in welcher »Madam« ihren vornehmen Schülern Klavierunterricht erteilt. Der kleine Willy aus der Arbeitervorstadt und sein tapferer Hund Peter Pan erleben beide Welten. Am Ende gibt es ein wundervolles englisches Weihnachtsfest, das doch nicht ganz ohne einen Wermutstropfen bleibt.

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Hedwig Sonntag

ISBN 978-3-945264-08-9
Erscheinungstermin: September 2019

1. Auflage

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Preis: 12,80 €
Hardcover, ca. 180 Seiten


Hedwig Sonntag wurde am 13. Februar 1850 in Hitzacker geboren und wuchs in Lüneburg auf. Die Musikpädagogin, Pianistin und Romanautorin nahm Unterricht bei Friedrich Wieck und Franz Liszt. Sie lebte lange Jahre in England, war eine Freundin von George Bernard Shaw und starb am 13. April 1916 in Wimbledon.



Leseprobe


Klein Willy und sein Hund Peter Pan.

 

Eine Weihnachtserzählung.

 

Der erste Schnee war gefallen. Als der kleine Willy, wie es seine Gewohnheit war, um sieben Uhr erwachte und aus dem Bett kroch, um auf den guten sich vier gesunder Beine rühmenden hölzernen Stuhl am Fenster zu klettern und hinauszuschau’n, jubelte er voller Freude: »O Mummi, sieh, die Dächer gegenüber und auch die Straße sind wunderschön rein und weiß angestrichen! Wer hat das getan?«

 

Er erlebte zwar bereits seinen dritten Winter, im ersten war er jedoch noch ein ganz kleines Baby gewesen, konnte sich nicht drauf besinnen, und im zweiten fiel in London nur an zwei Abenden Schnee, den die ersten Strahlen der Morgensonne schmolzen. Er hatte ihn verschlafen.

 

Seine Mutter hockte jetzt vor dem Kamin und versuchte mit den Ueberresten des zweiten hölzernen Stuhles, der seit Monaten auf nur drei Beinen ein schwankendes Dasein gefristet hatte, Feuer anzumachen, um Tee zu kochen. »Ob ich nun mal ’nen Tag ohne Mittagbrot zubringe, macht mir wenig aus,« sagte sie manchmal zu ihrer Stubennachbarin. Mrs. Smith, »ehe ich aber morgens früh meine Tasse Tee im Leib hab’, bin ich zu nichts nutze.« ‒ »Niemand hat etwas angestrichen draußen,« antwortete sie dem Jungen und blies zwischen jedem Satz ins Feuer, bis ihre blassen Backen tief rot brannten und ihre Augen tränten. »Jack Frost hat Schnee auf die Straße gestreut. Kriech schnell wieder ins Bett, sonst kommt er und bläst deine nackten Beinchen an, daß sie blau werden und du vor Schmerz laut schreist.« Da kroch Willy erschreckt wieder unter die warme Decke.

 

Endlich schlug die Flamme durch; sie kochte Tee, den sie ohne Milch trank. Den Rest von der gestrigen Milch, die sie zu dem Zwecke zurückgestellt hatte, goß sie mit heißem Wasser vermischt in das Tassenschälchen und brachte es ihm. »Da trink und versuch nochmal einzunicken, Mummi geht Brot holen.«

 

Sie seufzte, denn sie hatte keinen Halfpenny mehr, für den sie etwas hätte kaufen können. »Bleib’ im Bett, ich zieh’ dich an, wenn ich heimkomme.« Sie blickte aufs Feuer, nahm das eine noch nicht ganz verkohlte Stuhlbein heraus und löschte die Glut vorsichtig mit Wasser. Das Holz konnte gespart werden, es war auch sicherer so, nun brauchte sie nicht zu fürchten, daß während ihrer Abwesenheit ein Brandunglück entstünde.

 

Willy spielte im Bett mit seinen Fußzehen, bis er wieder einschlummerte.

 

Die Sonne versuchte schüchtern, durch das blinde kleine Fenster zu ihm hineinzugucken, als er zum zweiten Male erwachte. Hastig richtete er sich auf, da sah er, daß auf dem Dache gegenüber der Schnee fast verschwunden war, eine häßliche grauschwarze Flüßigkeit sickerte herunter. Wer hatte das nun wieder getan?

 

Es litt ihn nicht länger im Bett; war er auch erst zwei Jahre und zehn Monate alt, konnte er doch schon in seine Kniehöschen steigen, wenn er sie auch nicht zuzuknöpfen verstand, und nachdem er verschiedentlich verkehrt in das rote Jersey gefahren, gelang es ihm endlich, damit so weit zurechtzukommen, daß er die Arme in die Aermel zwängte, wiewohl der Rücken des Kleidungsstückes auf seiner Brust saß.

 

Er hielt mit der einen kleinen Faust die Höschen fest und kletterte von neuem auf den Stuhl am Fenster, den einzigen, nachdem der kranke den Verbrennungstod erlitten.

 

Auch von der Gasse war der weiße Anstrich verschwunden. Statt dessen standen überall auf dem schlechten, unebenen Pflaster Pfützen schmutzigen Wassers.

 

Die Buben und Mädel, die mit ihren Büchermappen eben aus den ärmlichen Häusern hervorschwärmten, platschten mit den Füßen herum, auf dem Weg zur Schule und freuten sich, weil ihre Stiefelchen sehr blank aussahen von der Feuchtigkeit. Mit dem schwarzen zusammengeballten Schnee, der hier und da noch liegen geblieben, bewarfen sie sich gegenseitig unter hellem Juchzen und Jodeln. Willy rannte an die Tür, um an dem herrlichen Spaß teilzunehmen, trotz Jack Frost. Vorsichtiger Weise aber hatte die Mutter sie von außen verriegelt. So nahm er denn wieder seinen Platz am Fenster ein, steckte die Finger ins Mäulchen, um sie anzufeuchten, und rieb dann eine Ecke der blinden Scheibe klar, um besser hinausschauen zu können.

 

 

 

Von gegenüber trat die dicke Mrs. Jones aus dem Fischladen. Sie hatte über den hochgeschürzten, von Fettflecken starrenden Rock eine schmutzige blaue Schürze gebunden. Ein knallrotes wollenes Umschlagtuch hielt, kreuzweise um die Taille befestigt, den mächtigen Busen warm. Ihr ergrauendes Haar war, um das breite rote Gesicht herum, mit Lockenwickeln aufgesteckt, und hing in wirren Strähnen lose den Rücken herab. Mit einem Straßenbesen begann sie lässig den dicksten Schmutz vor ihrer Tür in die Gasse und nach der Nachbartür hinzufegen. Ueberall aus den niedrigen Türen der einstöckigen Häuser, die einander so ähnlich sahen, wie ein Ei dem andern, traten jetzt Weiber mit Besen in den Händen. Alle, ob sie nun dünn oder dick, lang oder kurz, alt oder jung waren, trugen schmierige zerlumpte Kleider und sahen ungewaschen aus. Aber sämtlich hatten sie das Vorderhaar in Lockenwickeln aufgesteckt, mochte es braun, blond oder grau sein. Jede von ihnen kehrte das schmutzige Wasser mit den darin schwimmenden Kohlstücken, Kartoffelschalen und Fischschwänzen in die bereits überlaufende Gosse und ‒ der Nachbartür zu. Dann begannen sie darüber miteinander zu keifen und ihre kleinen Kinder, die vom Lärm angezogen, auf die Straße gelaufen kamen, zu knuffen.

Der graugestreifte Kater der Stubennachbarin setzte sich draußen auf das Fenstersims und schaute zu Willy hinein. Er war des Jungen Spielkamerad, und dieser bemühte sich angestrengt, das Fenster zu öffnen, um ihn hereinzulassen. Als seine Versuche scheiterten, klopfte er gegen die Scheibe und schrie so laut er konnte: »Tabby, dear Tabby!« Der Kater öffnete kläglich das Maul, wie zum Miauen, doch hörte Willy nichts. Darüber mußte er so heftig lachen, daß der Stuhl ins Schwanken geriet und er fast gefallen wäre. Nun faßte der Kater draußen etwas ins Auge und sprang hinab. Gleich darauf erschien er wieder im Fenster, mit einem getrockneten Heringsschwanz im Maule. Willy sah ihm zu, wie er ihn zierlich zwischen die Pfoten nahm und verzehrte; er meinte durch die klaffenden Fensterrahmen den Fisch riechen zu können, und dieser Geruch machte ihm den Mund wässern.

 

Dada hatte manchmal einen getrockneten und geräucherten Hering, einen »Kipper«, mitgebracht, wenn er abends von der Arbeit heimkam. Mummi briet den Fisch in Oel und tat zerschnittene Kartoffeln dazu in die Pfanne; ob Willy auch seit Stunden fest geschlafen, der leckere Geruch erweckte ihn; er setzte sich aufrecht in der großen Bettstelle, in der sein kleines Kopfkissen neben dem der Eltern lag, und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Dann lachte sein Dada vergnügt und sagte: »Gib dem ,›rascal‹ auch Gabel voll, Mutter. Er ist ein Schlauberger, he is artful! Er weiß, was gut ist, und Kipper ist vom besten.«

 

Willy fühlte mit Genugtuung, daß Dada seinen klugen Sohn bewunderte, und ließ sich’s drum doppelt gut schmecken. Seit sein Dada nicht mehr heimkam, abends, gab es auch keinen Kipper mehr. Ueberhaupt war seitdem alles schlechter geworden für den kleinen Burschen. Die Mummi weinte oft und wollte nicht mit ihm spielen, ließ ihn allein, fast den ganzen Tag über, weil sie, wie sie sagte, zum Scheuern und Aufwaschen ausgehen müsse, um Brot ins Haus zu schaffen. Damit Willy nicht friere, befahl sie ihm, im Bett zu bleiben, als die kältere Witterung eintrat.

 

Er schaute sich um im Stübchen. Wie kalt und leer war’s doch drin geworden! Als Dada noch heimkam, hatte an der einen langen Wand ein Tisch mit einem zinnernen Waschbecken und einem blau emaillierten Wasserkrug gestanden. Die Waschschale erblickte er jetzt auf dem Boden, der Krug, welcher vom Kaminfeuer ein Loch bekommen, lag, ohne Wasser, daneben auf der Seite, wie ein verwundeter alter Soldat. Die andere lange Wand hatte damals ein großer Kleiderspind aus Tannenholz angenehm unterbrochen; Dada’s Sonntagsrock und Beinkleider hingen darin und der Mummi großer Radmantel mit der roten Kapuze. Schaudernd erinnerte sich Willy wie eines Tages zwei Männer grob und laut hereingestampft kamen und das schöne Kleiderspind samt Inhalt davon trugen. »Halt, halt!« schrie er. »Mummi, sie stehlen unser Spind!« Mummi aber saß auf dem Bettrand und weinte in ihre Schürze, ohne den bösen Männern zu wehren. Ja, Dada, der würde es ihnen schön gegeben haben! »Wenn Dada heimkommt,« tröstete er die Mutter, ,,he’ll pay them!«

 

Da schluchzte sie laut auf und wiegte sich auf dem Bettrand hin und her, als ob sie heftigen Schmerz leide, daß der Junge ebenfalls zu heulen begann.

 

Nach ein paar Wochen holten dieselben Männer den Tisch, an den ihm Dada seinen hohen Kinderstuhl zu schieben gepflegt, an Sonntagen, wo er in Gemeinschaft mit den Eltern sein Mittagessen einnehmen durfte. Dabei fiel ihm ein, daß es schon seit sehr lange nicht mehr Sonntag gewesen sei oder ein Mittagessen gegeben hatte. Ja, und sein hoher Kinderstuhl war ebenfalls verschwunden. Eines Morgens beim Erwachen sah er ihn nicht mehr und Mummi sagte, Jack Frost habe ihn geholt. Danach hatte Jack Frost sich den Holzschemel, auf den Mummi ihm, ehe sie fortging zum Scheuern, sein zinnern Schüsselchen mit Haferbrei zu stellen pflegte, geholt. Nun war ihm sogar der andre Stuhl, der dreibeinige, zum Opfer gefallen. Jawohl, das eine Bein lehnte noch in der Kaminecke, es war erst zur Hälfte verkohlt.

 

Dieser abscheuliche, grausame, habgierige und rätselhafte Jack Frost! Den kleinen Buben blies er auf die nackten Beine, daß sie blau wurden und schmerzten, aber die häßliche schmutzige Straße strich er weiß, rein und neu an, so daß es ein Vergnügen war, sie anzusehn. Wo war er jetzt? Wie schaute er selber aus? hatte er auch den Dada geholt? ‒ der nie mehr heimkam mit einem herrlich und kräftig duftenden Kipper, ‒ nie mehr heimkam, seit jenem Tage, vor vielen Wochen, wo es den ganzen Tag über Nacht geblieben war, weil der dicke schwarzbraune Nebel alles einhüllte. Der »peasoup« Nebel. Der Junge schüttelte sich: »Na ich danke für solche Erbsensuppe.«

Mummi war viele Male aufgestanden in jener Nacht, hatte Licht gemacht und zur Türe hinausgeschaut. Am Morgen kamen Männer, die holten Mummi fort, weil sie sich jemanden ansehn sollte, den sie aus dem Wasser gefischt hätten, unweit des großen Bauplatzes, wo Dada seit Wochen arbeitete. Am Abend erst kehrte Mummi zurück und weinte und schluchzte, während sie das Kind aus dem Schoß hielt und an sich preßte. »Kommt Dada bald heim und bringt uns Kipper?« fragte der Junge, um ihre Gedanken auf angenehme Dinge zu richten, und auch, weil er den ganzen Tag über nur eine Brotrinde zum Beißen gehabt. Da schluchzte Mummi noch heftiger und schrie zuletzt ganz laut und verzweifelt: »Nie, nie, er kommt niemals mehr heim!« ‒

 

Nun hatte der graue Kater die letzte Schwanzspitze seines Fisches verspeist. Er setzte sich auf die Hinterbeine und begann Toilette zu machen. »Woher hattest du den Kipper, Tabby? Wer hat ihn dir geschenkt?« schrie Willy ihm durch’s Fenster zu. Tabby streckte das rechte Hinterbein stramm, wie eine Fahnenstange, in die Höh’ Und leckte sich eifrig das weiche Bauchfell. »Er will mir’s nicht sagen,« seufzte das Kind, »und Mummi weiß es nicht, und Dada kommt nicht mehr heim.« Ihn fror an den Füßen, drum glitt er vom Stuhl herunter und begann bald auf dem rechten, bald auf dem linken Bein im Zimmer herumzuhinken, um sich zu erwärmen. Es wollte nicht recht helfen, da kroch er wieder ins Bett und schlummerte ein. Das Lärmen der zur Mittagszeit zurückkehrenden Schulkinder weckte ihn. »Ja, jetzt ist es Mittag,« sagte er laut und stieg wieder an seinen Beobachtungsplatz. Nach einer Weile gingen eine Anzahl Kinder in den Fischladen gegenüber, auch Erwachsene, Männer und Frauen, gingen hinein. Er konnte, wenn mehrere nacheinander sich hineindrängten und die Türe ein wenig länger offen stand, drinnen den Ladentisch sehn, mit den beiden großen dampfenden Kupferbehältern. Die dicke Fischfrau, in dem roten Tuch, stand dahinter und holte mit einer zinnernen Kelle aus dem einen der Kessel gebratenen Fisch, aus dem andern Bratkartoffeln, die sie den auf der rund um die Wände laufenden Bank sitzenden Kunden vorlegte, welche sie begierig verzehrten. Die meisten Leute kauften jedoch ihr Mittagessen hier und trugen es heim. Bratfisch und Bratkartoffeln wurden zusammengewickelt, in ein Stück Papier, welches bald von dem Oel ganz durchtränkt erschien. Willy beobachtete mit großem Interesse einige von den Kindern, die, sobald sie den Laden verließen, ihr Papier öffneten, erst dran rochen, danach ein wenig naschten, es wieder zusammenwickelten und sich mit der flachen Hand das verräterisch ölige Mäulchen wischten. Rechts und links, hüben und drüben, rannten sie dann in die Haustüren. Sie hatten jedes der Fischfrau ihre »twopence« (20 ₰) bezahlt; aber Mummi konnte soviel Geld für ein Mittagessen nicht erschwingen, wie sie ihm erklärt, ‒ und Dada kam immer noch nicht heim.

 

Der Kater war fortgesprungen, der hatte natürlich den Fischschwanz umsonst bekommen; aber wo, und wie? ‒ Die Kinder erschienen wieder mit den Schulmappen. Danach sah der Junge, wie Mrs. Jones vom Eckhaus rechter Hand ihren Teabarrow hinausschob auf die Gasse. Sie kam damit an seinem Fenster vorbei, er hörte die Tassen und Gläser und Flaschen klirren, die Blechbüchsen winkten ihm verlockend zu; ‒ er kannte ja ihren soliden inneren Wert. Mummi hatte ihn im Sommer einmal mitgenommen nach dem großen Bauplatz, als Mrs. Jones grad ihren Teekarren dahinfuhr, um die Arbeiter zu erquicken. Mummi und er gingen neben ihr her, das heißt, er wurde auf dem Arm getragen. Zwei von den neuen Häusern, die alle als »Flats« eingerichtet werden sollten, standen bereits fertig da bis auf die Fensterscheiben. Auf dem Dach des dritten erkannte Willy seinen Dada, mit einer Schubkarre. Als dieser Frau und Sohn erblickte, winkte er mit der Mütze und rief ihnen fröhlich »Willkommen« zu. Dann kam er geschickt mit der Karre die Leiter herab. All die Arbeiter drängten sich um den Teewagen. Mrs. Jones schenkte nach Verlangen Tee, Kaffee oder Ginger Beer (Ingwerbier) aus. Sie öffnete die Blechbüchsen und reichte daraus Butterbrot, Käsebrot oder süße Semmel herum. Dada trank Ginger Beer und gab Mumrni sein Glas, ihm Bescheid darin zu tun. Er kaufte für einen Penny Brot mit Käse und für einen Halfpenny eine »Bun« mit Korinthen darin. Willy pickte erst all die kleinen schwarzen, süßen Dinger heraus und steckte sie ins Mäulchen, dann ließ er die »Bun« nachfolgen. ‒ Es war überhaupt ein unvergeßlicher Sommernachmittag. Auf dem noch unbebauten, grasbewachsenen Boden der neu angelegten Straße spielten fröhliche Kinder. Ein Zigeunerwagen stand etwas weiterhin. Das Pferd war ausgespannt worden und graste wohlgemut; die fast nackten kleinen Zigeuner jagten sich mit ihrem Hund, und Zigeunervater und -mutter hatten aus allerhand trockenem Gestrüpp ein Feuer angemacht, hinter ihrem Zeltwagen, und kochten sich ebenfalls Tee oder Kaffee. Schmetterlinge schaukelten auf den Wiesenblumen, in den Büschen und Bäumen hinter diesem großen, grünen Bauplatz zwitscherten die Vögel und riefen einander zu; ‒ und die »Bun« schmeckte vorzüglich.

 

‒ ‒ In der Schlafstube begann es dunkel zu werden, Nebel stieg empor und ließ sich herab; feuchtkalt umhüllte er alles mit seinem Trauertuch. Den kleinen hungrigen Burschen überlief ein Schauder, eine entsetzliche Angst drückte ihm das Herz zusammen. Wenn nun die Mummi auch nimmer heimkäme, fortbliebe im Nebel, wie es Dada gemacht? Und hier hockte Willy allein im Dunkeln, und die Tür war verriegelt. Er begann laut zu schreien, lief an die Tür, klopfte dagegen mit Händen und Füßen, bis er erschöpft dicht an der Schwelle niedersank. Die Stubennachbarin war jedenfalls auch fort, niemand hörte auf ihn. Zuletzt wimmerte er nur noch leise: »Mummi, Mummi, Mummi.«

 

Da hörte er Schritte und Stimmen. Seine Mummi! Sie kam nicht allein, sprach mit jemandem. Nun wurde der Riegel zurückgeschoben; zitternd vor Freude stand er auf und stürzte, als die Tür jetzt aufging, mit einem Schrei seiner Mutter entgegen, ihre Hüften mit beiden Armen umschlingend. Sie nahm ihn auf den Arm und sagte, indem sie sich zu der Person, die hinter ihr stand, wandte: »Bitte Madam, kommen Sie herein, ich will gleich Licht machen.«

 

»Ist das Ihr kleiner Junge?« fragte eine freundliche Stimme und setzte hinzu: »Das arme kleine Ding hat sich augenscheinlich gebangt. Komm her zu mir, Darling, wie heißt du denn?« ‒ ‒ Und so kam er zu Madam.

 

Ja, Willy und Mummi kamen beide zu Madam. Am Tag lebten sie in der hellen blanken Küche, die immer warm war, weil das Herdfeuer lustig darin brannte von früh bis spät. Nachts schliefen sie nebenan in der Kammer, er in seiner Mutter Bett, das ganz neu aussah, und vor dem ein weicher »Rug« lag. Es gab in der Kammer drei heile Stühle, eine Kommode, einen Waschtisch mit allem Zubehör und einen Schrank. Den letzteren sah man, wenn man eine Tür in der Wand öffnete. Bretter und Haken zum Aufbewahren der Wäsche und Kleider waren darin. Das schönste jedoch blieb der Spiegel über dem Kamin. Die ganze Kammer konnte man darin noch einmal erblicken, und Mummi mit Willy auf dem Arm nickte ihm lächelnd daraus entgegen, ‒ und Peter Pan! Ja, Peter Pan, der bellte wie toll und fuhr mit dem Pfötchen gegen das Glas, wenn Mummi ihn hoch hob, damit er sein Spiegelbild sähe. Der liebe dumme Peter Pan! Er bellte nicht nur, er heulte sogar vor Kummer und Herzeleid und Wut, weil er nicht an den Hund hinterm Glase kommen konnte.

 

Vor fast einem Jahre, als er noch klein war, daß Mummi ihn auf der Straße immer trug, hatte sie den Jungen schon einmal mitgenommen zu Madam. Im Diningroom zu ebener Erde, welches auf den kleinen Garten hinausschaute, waren die Rouleaux noch nicht niedergelassen, obwohl es draußen bereits so dunkel geworden, daß die Gaslaternen brannten. Ein heller Glanz drang von innen hinaus auf Garten und Gasse. Der kam von einem großen grünen Baum, der auf jedem Zweig ein farbiges brennendes Licht trug. Mummi zeigte ihm von der Straße ab den Baum und sagte, es sei ein Weihnachtsbaum und Father Christmas habe ihn Madam geschenkt, weil sie eine Deutsche wäre.

 

Dann klopfte sie, die Haustür wurde geöffnet, sie nahm Willy das dicke graue Wolltuch ab, in das sie ihn gehüllt hatte, und trat mit ihm in das helle Zimmer. Nun erst bemerkte er, daß eine Anzahl Kinder, Buben und Mädel, den brennenden Baum umstanden. Alle waren sie größer als er, und konnten schön singen, ‒ sangen Weihnachtscarols, die sie in der Schule und im Kindergarten gelernt. Madam lobte sie dafür, trat an den Baum und schnitt allerhand hübsche kleine Spielsachen von den Zweigen, um sie zu verteilen. Ein Knabe bekam einen kleinen Motoromnibus, der mit Schokolade beladen war, ein anderer einen gelben Vogel, dessen Hals er abschraubte, um Bonbons herauszunehmen, und ein kleines Mädchen erhielt eine Wiege, in der ein schwarzes Baby lag, aus Schokolade. An Willy gab Madam ein Schweinchen, ganz und gar von Schokolade, er biß ihm die Beine ab und sah bald selber wie ein Schweinchen aus. Außer seiner eigenen Mummi gab es auch noch drei andre Mummis im Zimmer, die sollten eigentlich nichts vom Baum bekommen. Auf dem Tisch lagen vier Pakete für sie, in die Father Christmas allerlei Nützliches hineingetan für Madams erwachsene Gäste. Als sie jedoch Willys Schweinchen sahen, baten die drei fremden Mummis, ob nicht jede von ihnen auch solch ein Schweinchen haben könnte, »for luck«. Und Madam lachte vergnügt und suchte unter den stachlichen Zweigen. Richtig, sie fand noch vier Schokoladenpiggies, und jede Mummi bekam eins.

 

Zuletzt wurden die kleinen goldgelben Apfelsinen und die silbernen und goldenen Nüsse vom Baum geschnitten und verteilt. Danach durften die Kinder die Lichter, welche nicht bereits verlöscht waren, ausblasen. Dabei lachten und drängten sie so, daß der Baum fast umgefallen wäre. Willy flüsterte Mummi ins Ohr, er möchte gern auch eins von den Lichtern ausblasen, und Madam nahm ihn auf den Arm und hielt ihn hoch, so daß er fast das Licht auf der Spitze erreichen konnte. Er blies und blies, und zuletzt blies er’s glücklich aus und fühlte sich groß und zufrieden.

 

Jetzt gehörte er zu dem Gartenhäuschen. Jeden Morgen, wenn Madam zum Frühstück herunterkam, durfte er Peter Pans Schüsselchen ins Eßzimmer tragen. Dann stand er, nachdem Mummi die Tür geöffnet, auf der Schwelle, das leere Schüsselchen fest gefaßt mit den beiden kleinen Fäusten, und die großen Augen auf dasselbe gerichtet. Ohne sie aufzuschlagen, sagte er, ganz resolut und deutlich, so wie Mummi es ihm eingelernt: »Good Morning, Madam.« Und Madam antwortete: »Good Morning, Willy, thank you,« und nahm ihm die Schüssel ab, tat Milch und alte Semmel hinein, oder auch Porridge, streute etwas Zucker darüber und bat ihn, Peter Pan zu rufen. Das tat er mit Freuden, und Peter Pan kam von der Küche her den langen Gang heraufgejagt, sprang bellend erst an ihm hinauf, so daß er ihn fast umkugelte, danach an Madam, und stürzte an seinen Freßnapf. In seinem Eifer spritzte er viel Milch vorbei auf den Teppich. Darum nannte ihn Madam, während sie aufwischte, ein piggywiggy. Willy mußte jedesmal so sehr darüber lachen, daß er ganz rot und verlegen wurde, den runden blonden Kopf noch tiefer auf die Brust senkte und in die Küche zurücklief.

 

Als er damals, bei der Weihnachtsfeier Madam zum erstenmal gesehn, gab es noch keinen Peter Pan. Dennoch waren die beiden »Kleinen« etwa vom selben Alter, denn Willy wurde im März drei Jahre, und Peter Pan zählte ungefähr drei Monate, beide waren sie entschieden noch »infants«. Darum wurden sie auch solch dicke Freunde und Spielkameraden.